Einer der wichtigsten UX Faktoren, der Faktor "Vertrauen" für den UEQ+
Hinderks, Andreas; Schrepp, Martin; Rauschenberger, Maria; Thomaschewski, Jörg (2023): Reconstruction and Validation of the UX Factor Trust for the User Experience Questionnaire Plus (UEQ+). In: Proceedings of the 19th International Conference on Web Information Systems and Technologies (WEBIST 2023) || Download
Zusammenfassung
Die Studie untersucht die Konstruktion und Validierung des UX-Faktors „Trust (Vertrauen)“ für den modularen Fragebogen UEQ+. Vertrauen ist eine zentrale Dimension der User Experience, insbesondere in sicherheitskritischen Bereichen wie Finanzdienstleistungen und E-Commerce. Die Autoren entwickelten zunächst eine Sammlung potenzieller Items für diesen Faktor und reduzierten sie durch eine faktorenanalytische Studie mit 405 Teilnehmern auf vier Hauptitems: „insecure-secure (unsicher-sicher)“, „untrustworthy-trustworthy (unzuverlässig-zuverlässig)“, „unreliable-reliable (unseriös-seriös)“ und „non-transparent-transparent (intransparent-transparent)“. In zwei weiteren Validierungsstudien mit insgesamt 897 Teilnehmern wurde die Eignung dieser Items bestätigt. Die Ergebnisse zeigen, dass diese vier Items den Faktor Vertrauen zuverlässig messen und unabhängig von anderen UX-Faktoren sind. Damit bietet der UEQ+ nun eine validierte Möglichkeit, Vertrauen als UX-Dimension zu erfassen.
Wissenschaftliche Fakten
Studienziel
- Konstruktion und Validierung des UX-Faktors Trust (Vertrauen) für den UEQ+.
Methodik
- Entwicklung einer initialen Item-Sammlung für den Faktor Vertrauen.
- Reduktion der Items durch Explorative Faktorenanalyse (EFA) mit 405 Teilnehmern.
- Validierung der finalen vier Items durch zwei weitere Studien mit insgesamt 897 Teilnehmern.
- Anwendung von Konfirmatorischer Faktorenanalyse (CFA) zur Überprüfung der Faktorstruktur.
Teilnehmer & Datenerhebung
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Erste Studie (Konstruktion)
- 405 Teilnehmer, Online-Befragung (Prolific Academic).
- Bewertete Produkte: Airbnb, Booking.com, TikTok, Trading Apps.
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Zweite Studie (Erste Validierung)
- 443 Teilnehmer (248 Facebook, 195 YouTube).
- Durchführung: Online-Fragebogen in Deutschland und England.
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Dritte Studie (Zweite Validierung)
- 454 Teilnehmer, Befragung in Deutschland.
- Bewertete Produkte: Airbnb, Amazon, TikTok, Skype, Booking.com.
Ergebnisse
- Reduktion der Items von einer größeren Auswahl auf die vier finalen Items:
- „insecure-secure (unsicher-sicher)“
- „untrustworthy-trustworthy (unzuverlässig-zuverlässig)“
- „unreliable-reliable (unseriös-seriös)“
- „non-transparent-transparent (intransparent-transparent)“
- Explorative Faktorenanalyse zeigte hohe Faktorladungen für diese vier Items.
- Konfirmatorische Faktorenanalyse bestätigte die Unabhängigkeit des Trust-Faktors von anderen UX-Faktoren.
- Die Items sind robust, konsistent und für verschiedene digitale Produkte anwendbar.
Schlussfolgerung
- Der UEQ+ wurde um eine validierte Skala für Vertrauen erweitert.
- Trust (Vertrauen) kann nun als eigenständiger UX-Faktor zuverlässig gemessen werden.
Story: Vertrauen entscheidet – Warum wir einer Finanz-App unsere Daten anvertrauen (oder nicht)
Es gibt unzählige Apps, mit denen man seine Haushaltskasse verwalten kann. Sie versprechen alle das Gleiche: Einfache Budgetplanung, automatische Kategorisierung der Ausgaben und clevere Spartipps. Klingt praktisch – doch bevor wir eine solche App nutzen, stellen wir uns unweigerlich eine entscheidende Frage:
💭 Was passiert mit meinen Daten?
Denn um eine Haushalts-App sinnvoll zu nutzen, müssen wir sehr persönliche Informationen preisgeben: Monatseinkommen, Fixkosten, Kreditkartendaten. Doch wenn die App unsicher wirkt, unklare Datenschutzrichtlinien hat oder sich vielleicht sogar widersprüchlich äußert, dann ist die Entscheidung klar: Wir suchen nach einer Alternative.
Vertrauen ist der Schlüssel. Selbst die beste Funktionalität kann nicht überzeugen, wenn Nutzer der App misstrauen. Deshalb ist es entscheidend, Vertrauen als messbaren UX-Faktor zu betrachten. Genau das wurde mit der Erweiterung des UEQ+ um den Faktor Trust (Vertrauen) möglich.
In einer Studie mit 897 Teilnehmern wurden vier Kernaspekte von Vertrauen identifiziert:
- Sicherheit („insecure-secure“ / unsicher-sicher) – Wird meine finanzielle Sicherheit gewährleistet?
- Zuverlässigkeit („untrustworthy-trustworthy“ / unzuverlässig-zuverlässig) – Ist die App stabil und fehlerfrei?
- Seriosität („unreliable-reliable“ / unseriös-seriös) – Ist das Unternehmen hinter der App glaubwürdig?
- Transparenz („non-transparent-transparent“ / intransparent-transparent) – Werden die Datenschutzrichtlinien verständlich kommuniziert?
Dank dieser validierten Skala können UX-Teams nun gezielt messen, ob Nutzer einer Anwendung vertrauen – und wo es möglicherweise Probleme gibt. Denn ohne Vertrauen bleibt eine App ungenutzt, egal wie gut ihre Funktionen sind.
💡 Fazit: Wer eine Finanz-App entwickelt, muss nicht nur für eine intuitive Nutzung sorgen – sondern auch dafür, dass Nutzer sich sicher fühlen. Denn UX ist mehr als Design und Usability. Ohne Vertrauen funktioniert kein digitales Produkt.
Autor:innen aus dem "Forschen-im-Norden.de"-Team
Andreas Hinderks (Prof. Dr.)
arbeitet an der Hochschule Hannover und ist langjähriger Experte im Bereich User Experience (UX). Sein Fokus liegt darauf, UX in Organisationen sichtbar und strategisch nutzbar zu machen. Durch gezielte Methoden aus dem UX-Management unterstützt er Teams dabei, digitale Produkte mit einem hervorragenden Nutzererlebnis zu gestalten. Mit seiner Promotion im Jahr 2021 auf dem Gebiet des UX-Managements und seiner kontinuierlichen Forschung bringt er wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis ein – sowohl in Unternehmen als auch in der Lehre.
Jörg Thomaschewski (Prof. Dr.)
arbeitet an der Hochschule Emden/Leer und ist Gründer der Forschungsgruppe "Research Group for Agile Software Development and User Experience". Als Mitentwickler der UEQ-Familie (UEQ-S, UEQ+) hat er praxisorientierte Werkzeuge geschaffen, die weltweit zur Analyse und Optimierung der UX eingesetzt werden. Neben seiner akademischen Tätigkeit berät und schult er Unternehmen in den Bereichen UX-Management und agile Methoden. Sein Ziel ist es, Forschung und Praxis zu verbinden, um Unternehmen bei der Entwicklung benutzerzentrierter digitaler Produkte zu unterstützen.