UX Faktoren für unterschiedliche Produktkategorien
Schrepp, Martin; Kollmorgen, Jessica; Meiners, Anna-Lena; Hinderks, Andreas; Winter, Dominique; Santoso, Harry B.; Thomaschewski, Jörg (2023): On the Importance of UX Quality Aspects for Different Product Categories. In: International Journal of Interactive Multimedia and Artificial Intelligence, Vol. 8, No. 2, 232-246. || Download
Zusammenfassung
Die Autoren untersuchen, welche Faktoren der User Experience (UX-Faktoren) für verschiedene Produktarten besonders wichtig sind. In mehreren Studien mit 361 Teilnehmern wurde untersucht, welche dieser Faktoren je nach Produktkategorie eine größere Rolle spielen. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht alle UX-Faktoren für jedes Produkt gleich wichtig sind. Beispielsweise sind für Videokonferenz-Software Verlässlichkeit, Effizienz und Vertrauenswürdigkeit besonders relevant, während bei Online-Shops Vertrauen, visuelle Ästhetik und die Qualität der Inhalte eine entscheidende Rolle spielen.
Die Studie stellt außerdem eine Methode vor, mit der sich die UX präzise und zuverlässig messen lässt. Die Autoren fanden heraus, dass die Bedeutung einzelner UX-Faktoren je Produktkategorie stabil und gut vorhersagbar ist. Dies ermöglicht eine präzisere Bewertung von UX-Messungen, da Fragebögen gezielt an die jeweilige Produktkategorie angepasst werden können.
Wissenschaftliche Fakten
Studienziel
- Untersuchung, welche UX-Faktoren je nach Produktkategorie besonders wichtig sind.
- Entwicklung einer Messmethode, um die Bedeutung einzelner UX-Faktoren objektiv und reproduzierbar zu erfassen.
Methodik
- Fünf unabhängige Studien mit insgesamt 361 Teilnehmern.
- Untersuchte Produktkategorien:
- Produktivitätssoftware (z. B. Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Entwicklungsumgebungen)
- Online-Dienste (z. B. Webshops, Booking-Systeme, Newsportale, Lernplattformen)
- Kommunikations- und Unterhaltungssoftware (z. B. Messenger, Videokonferenzsysteme, Videoportale, Games)
- Teilnehmer bewerteten die Wichtigkeit von UX-Faktoren je Produktkategorie auf einer Skala von -3 bis +3.
- Datenanalyse mit statistischen Methoden, darunter Korrelationen, t-Tests und Varianzanalysen.
Wichtigste Faktoren
- Produktivitätssoftware: : Nützlichkeit, Steuerbarkeit, Effizienz, Durchschaubarkeit, Übersichtlichkeit
- Online-Dienste: Vertrauen, Inhaltsqualität und Übersichtlichkeit sind entscheidend.
- Kommunikation & Unterhaltung:
- Messenger & Videokonferenzen: Vertrauen, intuitive Bedienung und Steuerbarkeit
- Videoportale & Games: Immersion, Stimulation, visuelle Ästhetik, Originalität.
- Demografische Faktoren (Alter, Geschlecht) und kulturelle Unterschiede haben kaum Einfluss auf die Bewertungen.
- Die ermittelte Wichtigkeit der UX-Faktoren pro Produktkategorie ist stabil und lässt sich zuverlässig vorhersagen.
Schlussfolgerung
- Die Studie zeigt, dass UX-Faktoren je nach Produktart gezielt gewichtet werden müssen.
- Die entwickelte Messmethode ist robust, zuverlässig und für verschiedene UX-Fragebögen anwendbar.
- UX-Bewertungen können durch eine produktkategoriespezifische Anpassung von Fragebögen deutlich verbessert werden.
- Fig. 4: Bedeutung von UX-Faktoren für WhatsApp im Vergleich zur Produktkategorie „Messenger“.
Wie wichtig sind UX-Faktoren wirklich?
Stell dir vor, ein UX-Team arbeitet an der Neugestaltung eines Online-Shops. Das Team weiß, dass eine gute UX entscheidend für den Erfolg ist – doch welche UX-Faktoren sind für ihre Kunden wirklich am wichtigsten? Ist es die visuelle Ästhetik, das Vertrauen in den Shop, oder sind es eher klare Strukturen und eine verständliche Navigation?
Gleichzeitig sitzt ein anderes Team in einem großen Software-Unternehmen und überlegt, wie sie ihre Videokonferenz-Plattform verbessern können. Hier geht es weniger um Ästhetik – Steuerbarkeit, Effizienz und intuitive Bedienung sind die entscheidenden Faktoren. Doch wie lässt sich das objektiv messen?
Die Autoren dieser Studie haben genau diese Fragen untersucht. Durch umfassende Analysen mit über 360 Teilnehmern konnten sie zeigen, dass UX-Faktoren je nach Produktart eine völlig unterschiedliche Rolle spielen. Während bei Business-Software Effizienz und Steuerbarkeit dominieren, sind für Unterhaltungsangebote Faktoren wie Stimulation und Immersion wichtiger.
Besonders wertvoll ist die Erkenntnis, dass die Bedeutung einzelner UX-Faktoren stabil und gut vorhersagbar ist. Das bedeutet, dass UX-Experten nicht mehr raten müssen, worauf sie sich konzentrieren sollten – sie können ihre Fragebögen und Messmethoden gezielt anpassen, um genau die richtigen UX-Aspekte zu erfassen.
Autor:innen aus dem "Forschen-im-Norden.de"-Team
Jessica Kollmorgen (Doktorandin, M.Sc. (Promotion an der Universität Sevilla))
ist Doktorandin an der Universität Sevilla (Spanien) und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Agile Transformation an der Hochschule Emden/Leer. Sie ist seit 2021 aktives Mitglied der Forschungsgruppe 'Agile Softwareentwicklung und User Experience'. Ihre Forschungsinteressen sind User Experience, UX-Messung und Agile UX. Zuvor erwarb sie einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsinformatik, während sie parallel in der Backend-Softwareentwicklung tätig war. Anschließend absolvierte sie einen Master-Abschluss in Medieninformatik mit Spezialisierung auf Mobile Computing und Sicherheit an der Hochschule Emden/Leer.
Andreas Hinderks (Prof. Dr.)
arbeitet an der Hochschule Hannover und ist langjähriger Experte im Bereich User Experience (UX). Sein Fokus liegt darauf, UX in Organisationen sichtbar und strategisch nutzbar zu machen. Durch gezielte Methoden aus dem UX-Management unterstützt er Teams dabei, digitale Produkte mit einem hervorragenden Nutzererlebnis zu gestalten. Mit seiner Promotion im Jahr 2021 auf dem Gebiet des UX-Managements und seiner kontinuierlichen Forschung bringt er wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis ein – sowohl in Unternehmen als auch in der Lehre.
Dominique Winter (Doktorand, M.Sc., M.A. (Promotion an der Universität Siegen))
ist Experte für die erlebnisorientierte Produktentwicklung und unterstützt Organisationen dabei, begeisternde digitale Produkte zu entwickeln. Er greift dabei auf Methoden aus dem agilen Coaching, dem UX-Management und der kompetenzorientierten Organisationsentwicklung zurück. Praktische Erfahrungen ergänzt er durch Forschung (u.A. Promotion zum Thema UX-Kompetenzen von Organisationen) und verbindet so Theorie und Praxis.
Jörg Thomaschewski (Prof. Dr.)
arbeitet an der Hochschule Emden/Leer und ist Gründer der Forschungsgruppe "Research Group for Agile Software Development and User Experience". Als Mitentwickler der UEQ-Familie (UEQ-S, UEQ+) hat er praxisorientierte Werkzeuge geschaffen, die weltweit zur Analyse und Optimierung der UX eingesetzt werden. Neben seiner akademischen Tätigkeit berät und schult er Unternehmen in den Bereichen UX-Management und agile Methoden. Sein Ziel ist es, Forschung und Praxis zu verbinden, um Unternehmen bei der Entwicklung benutzerzentrierter digitaler Produkte zu unterstützen.